Azubi-Interessenten Sicherheit in unsicheren Zeiten gebenKennen Sie das auch, das nachbarschaftliche Gespräch „über den Zaun“. Nicht nur in Corona-Zeiten eine willkommene Gelegenheit zum Austausch. So auch vor Kurzem mit Nachbarn, deren Tochter gerade unter erschwerten Corona-Umständen ihr Abitur gemacht hat. Jetzt sollte ihren Plänen nichts mehr im Weg stehen. Ihr Ziel: eine Ausbildung im Kulturbereich. Talente hat sie dafür reichlich, davon konnten wir uns schon oft überzeugen. Aber Pustekuchen: Auf Bewerbungen und Bewerbungsmappen wurde seitens der Ausbildungsstätten verhalten reagiert oder gleich abgelehnt. Begründung: Corona, man wisse nicht wirklich wie es weitergeht.

Was denkt sich Abiturientin in normalen Zeiten, wenn es mit der Ausbildung nicht direkt klappt? Richtig: Praktikum oder Work & Travel. Aber beides ist aktuell kaum denkbar. Daher dominiert jetzt – gut 3 Monate nach dem Abi – viel Unsicherheit. Und damit ist unsere Nachbarstochter nicht allein. Und genau hier liegt die Chance für Ausbildungsbetriebe, die noch für dieses oder fürs kommende Jahr Ausbildungsstellen zu besetzen haben.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Unsicherheit bei Ausbildungsbetrieben und -interessenten

Ausbildungsbetriebe

Eine bundesweite Umfrage der IG Bergbau, Chemie, Energie, die Ende Juni 2020 veröffentlicht wurde, zeigt: in 72% der Ausbildungsbetriebe war es in den letzten Monaten nach Ausbruch der Pandemie noch völlig unklar, ob und wie viele Ausbildungsplätze sie tatsächlich bereitstellen werden. Die für sie zentrale Frage neben den Auswirkungen von  Corona auf ihre wirtschaftliche Situation: Wie können sie Auszubildende in Corona-Zeiten betreuen und sicherstellen, dass Ausbildungsziele erreicht werden. Schaut man auf die Daten am Ausbildungsmarkt bestätigt sich das. Erstmals seit 2013 ist die Zahl der Ausbildungsstellen, insbesondere in einigen Branchen, deutlich zurückgegangen. Viele Betriebe haben ihre Recruiting-Verfahren nach hinten geschoben. Dank Corona Konjunkturpaket, das auch Ausbildungshilfen vorsieht, ist wieder mehr Bewegung in das Ausbildungsplatzangebot gekommen. Wurden im April 2020 nur etwa halb so viele Ausbildungsstellen wie im April 2019 ausgeschrieben, bewegt sich die Zahl gemeldeter Ausbildungsstellen im Sommer wieder in etwa auf Vorjahresniveau.

Ausbildungsinteressierte

Im Corona-Stimmungsbarometer der u-form Testsysteme wird die Unsicherheit auf Seiten der jungen Zielgruppe sehr deutlich: 73% haben Angst, keinen Ausbildungsplatz mehr zu finden. Das führt scheinbar auch zu einer gewissen „Schockstarre“ und Zurückhaltung bei Bewerbungen.  49% der hier befragten Betriebe erhalten weniger Bewerbungen als in anderen Jahren. Nach Zahlen des IW ist die Zahl der Ausbildungsplatz-Interessenten deutlich um 9% zurückgegangen. Die zunehmende Berichterstattung über wirtschaftliche Probleme von Unternehmen, Kurzarbeit etc.  dürften mit dazu beigetragen haben, dass Schulabsolventen noch mehr als in früheren Jahren über Alternativen zu einer Ausbildung nachdenken. Oder sie sind so verunsichert, dass sie ihre Bewerbungsaktivitäten zurückstellen. Zusätzliche Verunsicherung besteht darin, wie Auswahlverfahren ablaufen und Ausbildung überhaupt unter Wahrung von AHA-Maßnahmen aussehen kann.

Das Gebot der Stunde: Sicherheit geben – ein gutes Gefühl erzeugen

Wenn Ausbildungsbetriebe ihre Ausbildungsplätze in solchen Krisenzeiten besetzen möchten, dürfen sie Bewerber nicht im Dunkeln tappen lassen. Denn es gilt insbesondere die Unsicherheit bei den potenziellen Kandidaten zu reduzieren.  Dabei muss man kein großes Rad drehen, sondern kann schon mit ein paar Stellschrauben viel für die duale Ausbildung an sich und für sich als Ausbildungsbetrieb werben.

1. Die Relevanz des Berufes gerade auch in Krisen-/Pandemiezeiten aufzeigen

Nicht jeder Beruf ist systemrelevant. Aber trotzdem haben sehr viele Berufe in Zeiten von Corona einen Beitrag dazu geleistet, dass die Welt auch unter besonderen Bedingungen weiterläuft.  Einzelhandel und Logistik haben Versorgung sichergestellt.  Medizinische und Pflegeberufen haben Kranke und Risikogruppen z.B. in Alten- und Pflegenheimen versorgt. Autowerkstätten haben mehr als sonst Mobilitätssicherheit gegeben. Handwerker und Versicherungen haben geholfen, dass Schäden an oder im Haus bzw. der Wohnung keine Familien-Krisen herbeigeführt haben.  Telekommunikationsunternehmen konnten sicherstellen, dass das explodierende digitale Arbeiten nicht zusammengebrochen ist. Call Center haben dazu beigetragen, dass das Online-Geschäft lief. Banken haben Lösungen für finanzielle Engpässe geschaffen, usw.

Von Mitarbeitern in allen Bereichen wurde viel abverlangt. Aber Dank guter Ausbildung haben sie es auch geschafft von jetzt auf gleich unter gänzlich anderen Rahmenbedingungen zu arbeiten. Darauf kann man stolz sein und dazu kann jeder Betrieb in jede Branche eine Geschichte erzählen: auf der Azubi-Karriereseite ebenso wie in Stellenanzeigen (z.B. statt der üblichen langweiligen Unternehmensbeschreibungen). Geben Sie so Sicherheit, dass die Wahl Ihres Ausbildungsberufes auch in einer Krise richtig ist und vermitteln Sie Stolz. Damit motivieren Sie, auch ein Teil davon sein zu wollen. Und gewinnen vielleicht sogar jemanden, der ursprünglich etwas ganz anders machen wollte.

2. Klares Statement zum Ob und Wieviel des aktuellen Ausbildungsplatzangebotes

Positionieren Sie sich als Ausbildungsbetrieb. Lassen Sie Interessenten über Karriereseite, soziale Medien, Anzeigen, Pressemitteilungen etc. wissen, dass Sie ausbilden. Tun Sie mehr als nur eine Anzeige zu schalten. Gehen Sie ruhig auch mit progressiven Headlines oder Claims z.B. in Stellenanzeigen an den Markt (Jetzt ist klar: Wir bilden weiter gesichert aus). Denn so mancher Interessent musste die Erfahrung machen, dass angezeigte Stellenanzeigen gar nicht mehr aktuell waren.  So geben Sie die Sicherheit, dass eine Bewerbung nicht von vornherein umsonst ist. Sprechen Sie durchaus auch an,  ob sie mehr oder weniger als in Vorjahren ausbilden werden. Wenn es weniger ist, scheuen Sie nicht, es zu sagen. Dann gerne auch mit einem Zusatz, dass sie es sich gut überlegt haben, wie viele Azubis sie in diesen Zeiten aus wirtschaftlicher Sicht gesichert ausbilden bzw. für wie viele Sie durch die eingeschränkte Organisation den Ausbildungserfolg sicherstellen können.

3. Transparente Information zum Auswahlprozess

Bei den Bewerbungsverfahren halten nach einer DIHK Ausbildungsumfrage 2020 nur 59% an persönlichen Gesprächen fest. 21% führen Telefon- oder Videointerviews und 15 % haben Bewerbungsgespräche erst einmal verschoben. Laut dem Corona-Stimmungsbarometer von u-form haben 30% der Ausbildungsbetriebe ihr Auswahlverfahren umgestellt – Online-Testverfahren, Video-Interviews usw. 46% haben keine Anpassungen vorgenommen, sondern entsprechende Schutzmaßnahmen eingerichtet.

Zu welcher Gruppe Sie auch immer gehören: Informieren Sie proaktiv am besten nicht erst bei einer Einladung darüber, wie bei Ihnen der Auswahlprozess abläuft. Mit einer entsprechenden Information z.B. auf Ihrer Karriereseite oder in der Stellenanzeige schaffen Sie Klarheit und nehmen Ängste und Unsicherheit. Übrigens, Veränderungen zum üblichen Vorgehen werden von Ausbildungsplatzbewerbern gar nicht so kritisch gesehen. 54% finden Online-Tests gut, weitere 31% bewerten sie neutral. Und Videointerviews sehen 35% positiv und weitere 24% neutral.

4. Einblicke und Statements zur Organisation der Ausbildung unter Pandemie-Bedingungen

Laut der DIHK Ausbildungsumfrage läuft in 75% der Ausbildungsbetrieben die Ausbildung ganz normal weiter und in 35% der Unternehmen findet die Ausbildung auch gelegentlich im Homeoffice oder durch mobiles Arbeiten statt. Allerdings zeigt sich auch, dass das ganz normale Weiterlaufen auch nur teilweise so ist. Die Auszubildenden sind zwar im Betrieb, aber oft sieht der Alltag doch anders aus: Vorziehen von Schulungen, Einzel- statt Gruppenarbeiten,  weniger Einsätze in anderen Abteilungen usw.

Es gibt wahrscheinlich sehr viele individuelle Wege in den verschiedenen Betrieben. Geben Sie also Einblicke, wie Sie es machen: Bilder, Videos, Statements von aktuellen Azubis, Interviews mit Ausbildern. All das hilft dabei, verunsicherten Schulabgängern ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie Ausbildung für sie konkret auch unter den besonderen Rahmenbedingungen in Ihrem Betrieb aussehen könnte. Dass nicht alles perfekt läuft, auch auf Ihrer Seite manches improvisiert und immer wieder neu gedacht werden muss, ist dabei völlig ok und macht Sie als Ausbildungsbetrieb nur sympatischer. Viel wichtiger als Perfektion ist, dass Sie rüberbringen, sich zu kümmern und ihr Bestes auch für die Azubis zu geben.

Wir leben alle in besonderen Zeiten, müssen Routinen aufgeben, Pläne ändern und auch viele Einschränkungen in Kauf nehmen. Potenzielle Berufseinsteiger brauchen an sich schon Orientierung beim Wechsel von einer Lebensphase in eine andere. Jetzt gilt das aber umso mehr. Geben Sie ihnen Orientierung. Dabei gibt es nicht den richtigen Weg, aber viele Chancen – nehmen Sie die Anregungen hier und entwickeln Sie sie kreativ weiter. Dann lässt sich sicher noch der eine oder andere Ausbildungsplatz besetzen. Und wenn nicht mehr dieses Jahr, dann wenigstens im nächsten Ausbildungsjahr.

 

 

Sicherheit für Azubi-Bewerber in unsicheren Zeiten



Dieser Beitrag erschien erstmals auf Rekrutierungserfolg.de.